Von der Schlachterei in der „Ecke“ zur Firma 

Harzländer: Ein Familienunternehmen wird „150“

Geschichte mit zahlreichen Schicksalsschlägen / Leitung liegt mittlerweile in Händen der fünften Generation / Heute feste Marke am Markt

Familienunternehmen genießen einen besonderen Ruf. Das gilt nicht nur für große Namen wie Tchibo, sondern auch für kleinere Unternehmen, wobei im Falle von Harzländer vielleicht sogar schon die Größe eines mittelständischen Unternehmens überschritten ist. Mit dem heutigen Tage kann die Fleischwarenfabrikation in Familienführung auf 150 Jahre seit dem Gründungstag zurückschauen.

Denn just an jenem 13. Oktober 1866 – einem Samstag – eröffnete Wilhelm Prahmann eine „Schweineschlächterei mit Restauration“ an einem geschichtsträchtigen Platz: dem Haus, das heute noch das Lokal „Zur Ecke“ ist. Sein Gründungs- kapital: Handwerkliches Können als Feilschlachter – der im Unterschied zum Hausschlachter seine Waren auch feilbieten durfte – und unternehmerisches Handeln.

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Hier fing alles an: Ein Foto des Gründerhauses, der „Ecke“, wie sie auch damals schon genannt wurde.

Mit einem eigenen Versandhandel macht er außerdem die „gute Braunschweiger“ zu einem Qualitätsbegriff im ganzen Lande.

Die Prahmanns gehörten seinerzeit schon zu den alteingesessenen Familien der Stadt, und ihr Name hatte guten Klang, so dass sich die Unternehmung im Schatten des Rathauses gut anließ. Seit wann das schon damals im Volksmund „Die Ecke“ genannte Haus eine Gastwirtschaft beherbergte, ist nicht mehr zu ermitteln. Zu Zeiten des Kaufes durch Wilhelm Prahmann hatte es ein Braurecht; wie allerdings viele andere Bürgerhäuser auch. Mit der Einrichtung einer Gastwirtschaft setzte Prahmann aber auf jeden Fall eine Tradition an dieser Stelle fort.

Nur zwei Jahre später starb Prahmann, erst 49 Jahre alt. Seine Frau führte das gemeinsame Werk mit Geschick und Fleiß erfolgreich weiter. Sie startete den deutschlandweiten Versand der Wurstwaren.

Der zweite der drei Söhne Prahmanns, Friedrich Wilhelm Otto übernahm 1897 Gastwirtschaft und Schlachterei. Er weitete das Versandgeschäft aus. Schon damals wurden pro Woche rund zehn Schweine in der „Ecke“ geschlachtet, in Jahrmarktwochen waren es auch mal 20.

Viel früher noch als der Vater starb Friedrich Wilhelm Otto mit nur 37 Jahren im Mai 1910. Seine Frau Anna musste die Geschäfte fortführen. Die hatten inzwischen solchen Umfang angenommen, dass die „Ecke“ zu klein wurde. 1912 erfolgte der Umzug in die Moritzstraße 16 in das Gebäude der früheren Drahtwarenfabrik Diederich. Witwe Anna Prahmann heiratete erneut, den Schlachter Robert Porschberger.

Schlachterei und Gastwirtschaft liefen fortan getrennt. Die „Ecke“ entwickelte sich unter den Porschbergers zu einer angesehenen Restauration für die Honoratioren der Stadt. Dann kam der Erste Weltkrieg.

Nach 1924 mussten Inflation, Arbeitslosigkeit und viele andere Widrigkeiten mit Geschick überwunden werden. Das gelang, als 1938 der nächste Schicksalsschlag folgte: Die Schlachterei in der Moritzstraße brannte vollständig aus. Sie wurde danach nach modernsten Gesichtspunkten jener Zeit wieder aufgebaut.

Anna Porschbergers ältester Sohn – wiederum ein Friedrich Wilhelm Otto Prahmann – übernahm die Schlachterei 1939. Doch auch ihm war kein langes Leben beschieden, er starb nur 42 Jahre alt im Oktober 1941 und hinterließ erneut den Betrieb einer Witwe, Lisbeth Prahmann.

Mit vereinten Kräften und viel Hilfe gelang es ihr, den Betrieb fortzuführen. Um das Geschäft weiterführen zu können, hatte Lisbeth Prahmann sogar die Meisterprüfung im Fleischerhandwerk abgelegt. Die wirtschaftliche Entfaltung lähmte indes der Zweite Weltkrieg. Auch Lisbeth heiratete ein zweites Mal, ihr zweiter Mann war der Kaufmann Albert Otto Fricke. Das Versandgeschäft erblühte nach dem Kriege stark, bald stand wieder eine Vergrößerung an, die nochmals in der Moritzstraße erfolgte.

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Der zweite Firmenstandort in der Moritzstraße im Jahr des 100-jährigen Bestehens. Auch heute noch ist das Harzländer Ladengeschäft aus der Moritzstraße nicht wegzudenken.

Zu unserer Filial Website: http://harzlaender-filialen.de/

Die vierte Generation trat im Jahre 1962 in den Familienbetrieb ein. Es waren dies Otto Prahmann, der die zu einer offenen Handelsgesellschaft umgewandelte Firma zusammen mit Eckhard Neidhardt leitete. Fortan trug sie den Namen „Otto Prahmann oHG“. Neidhardt war durch die Heirat von Christa Prahmann in den Betrieb eingetreten.

In der Moritzstraße wurde das Ladengeschäft durch Zukauf großzügig erweitert. Ziel war, dass hier „alles unter einem Dach“ gekauft werden konnte. So gab es neben den Fleischwaren nun auch andere Lebensmittel. Das Versandgeschäft hingegen verlor an Bedeutung und wurde Ende 1964 ganz eingestellt. 1966 konnte das 100-jährige Bestehen standesgemäß gefeiert werden.

In den folgenden zehn Jahren veränderte sich der Markt. Um dort weiter bestehen zu können, waren die Kapazitäten an der Moritzstraße bei weitem nicht ausreichend. Deshalb schaute sich die Gesellschaft Ende der 70er Jahre nach einem Gelände für den Neubau einer Schlachterei und Fleischwarenfabrik um und wurde im Gewerbegebiet am Kriegerweg fündig. 1980 war der neue Standort fertig und wurde bezogen. Von hier aus wurden Wurst- und Fleischwaren der Marke „P&N“ ins nähere und weitere Umland verkauft.

Ein weiterer Schicksalsschlag suchte die Firma im Dezember 1992 heim, als ein Großbrand weite Teile des Betriebs zerstörte. Mit großen Anstrengungen gelang es, ihn wieder aufzubauen. Moderner und noch zukunftsgerichteter. 1999 schied dann Otto Prahmann aus der Gesellschaft aus, bis heute ist Jochen Neidhardt in fünfter Generation Geschäftsführer.

Neben der Zertifizierung und zahlreichen Auszeichnungen gehört dazu auch die Namensänderung: Aus „P&N“ wurde 2001 „Harzländer“, denn eine gut gängige Marke ist heute am Markt ein bedeutsamer Vorteil.

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2016 behauptet sie sich im harten Markt sehr gut. Zur Zeit sind rund 100 Mitarbeiter im Betrieb am Kriegerweg beschäftigt, der Betrieb bildet aus und behält die Kräfte in der Regel auch. Nationaler Einzel- wie Großhandel sind seine Abnehmer, 15 Prozent beträgt der Exportanteil ins europäische Ausland.

In den letzten beiden Jahren wurde die Produktionsfläche am Standort Bad Gandersheim nochmals um rund 700 Quadratmeter erweitert. Was nicht durch Neubauten erfolgte, sondern im Innenausbau durch zusätzliche Ebenen in den vorhandenen Gebäuden.

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Das moderne Betriebsgelände am Kriegerweg heute, wie es nach dem Brand 1992 ausgebaut worden ist. Unten die aktuelle Belegschaft der Firma Harzländer im Oktober 2016.

Foto unten: Hillebrecht

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